Die Weggabelung

1. Mai 2010

Seit einigen Wochen denke ich über die Worte einer lieben Freundin nach. Bei einem Telefonat diskutierten wir darüber, wie man eine Freundschaft aufrecht erhält. Grundsätzlich sind wir uns über die Notwendigkeit des aktiven Handelns einig. Umso mehr verwirrten mich die Worte: „Eigentlich ruft man doch eher nur an, wenn es einem nicht gut geht.“ Bedeutete dies, dass man die selbständige Kontaktaufnahme nur in Notsituationen sucht? Vergisst man den Freund in Zeiten der Unbeschwertheit? Wende ich mich selbst an meine Freunde nur in misslichen Lagen? Sprachlosigkeit folgte einer gewissen Verdutztheit. Ein wahrer Freund sei doch derjenige, den man von heut auf morgen, um Hilfe bitten und auf den man sich jederzeit verlassen könne. Dieser Gedanke ist durchaus einleuchtend und dennoch dachte ich in den vergangenen Wochen noch mehrere Male über dieses Gespräch nach…

 …bis sich eine neue Tür öffnete: Wahrscheinlich wurden nur die Worte etwas missverständlich gewählt. Vielleicht stand ein ganz anderer Gedanke hinter dieser Aussage. So könnte es als ein großes Kompliment verstanden werden, wenn man sich in Zeiten des Schmerzes voll Vertrauen an seine Freundin wendet. Dürfen wir uns nicht geehrt fühlen, wenn der Besagte, sein Leid mit uns teilen möchte?

Wir stehen an einer Weggabelung mit zwei Gedankengängen.

1. Gedanke: In schwierigen Momenten kann ich immer auf meine Freundin zählen.

2. Gedanke: Ausschließlich in der Not suche ich den Kontakt zu meiner Freundin.

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Der Betrachte entscheidet, welchem Gedankengang er folgen möchte. Einige bewerten es möglicherweise als herabwürdigend, wenn man die Nähe des Freundes lediglich in ausweglosen Situationen sucht. Andere hingegen fühlen sich abgewiesen, wenn ihr Rat oder ihre Hilfe in der depressiven Phase nicht beansprucht wird. Wie nun sollen wir uns entscheiden? Gilt es die Unterstützung des Freundes in der Not zu suchen oder sollen wir in der schweren Stille alleine ausharren? Schließlich möchte man niemandem zur Last fallen.

 Essentiell ist an der Schilderung der Problematik die unterschiedliche sprachliche Ausdrucksweise, die zeigt, dass es sowohl eine positive als auch eine negative Darstellungsmöglichkeit gibt. Der Zuhörer entscheidet, welchen Weg er einschlagen möchte. Sprache verkörpert das Motiv der Aussage, aber am Ende obliegt es dem Empfänger, wie er die codierte Nachricht entschlüsselt.

So genießen wir die Wahlfreiheit der Entscheidung. Wir können uns dafür entscheiden, es zu akzeptieren oder es nicht zu akzeptieren. Entscheiden wir uns für die Akzeptanz der positiven, wohlwollenden Betrachtungsweise, dann legen wir Steine für den Transformationsweg. Durch diese bewusste Entscheidung nehmen wir aktiv an der Verwandlung des Lebens teil. Entscheiden Sie, ob das Ziel der Lebensreise nicht einzig und allein in der Verwandlung von Leben liegt.

Nach anfänglichem Schmunzeln habe ich mich dafür entschieden, es als Ehre zu empfinden, dass die Hilfesuchende sich in der Bedrängnis an mich wendet und die Wertschätzung erkannt.

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2 Antworten to “Die Weggabelung”

  1. Heinrich Says:

    Bei einem Telefonat diskutierten wir darüber, wie man eine Freundschaft aufrecht erhält.

    Ich denke, wirklich gute Freunde kommen gar nicht auf die Idee, das Thema zu diskutieren. Sie tun es, ohne über die Erhaltung nachzudenken.

    Wenn ich aber das Glück nicht habe, einen Freund zu haben, bei dem dieses Thema nie besprochen werden muss, ist es auf jeden Fall schön, überhaupt Freunde zu haben!
    Wenn darunter auch noch welche sind, die zu Ihrem Versprechen stehen, in der Not zu helfen, ist das wunderbar!


  2. Hallo lieber Heinrich,

    ganz bestimmt gibt es Freundschaften, bei denen diese Problematik nie verbalisiert werden muss. Solche Freundschaften, die in Freud und Leid Beständigkeit aufweisen, sind sicherlich sehr wertvoll.
    Ich glaube immer noch, dass die Worte für diese Aussage vielleicht etwas missverständlich gewählt wurden, wenn ich bedenke, dass ich mich auf die besagte Freundin sowohl in Zeiten der Schwere als auch für das Planen von gemeinsamen Unternehmungen bislang immer verlassen konnte. Nichtdestotrotz haben meine Gedanken darüber mich einige Tage nicht losgelassen.
    Vielleicht muss man auch die Erwartungen an Mitmenschen weiter runterschrauben und die unterschiedlichen Vorstellungen von Freundschaft annehmen lernen. Ich selbst jedenfalls bin sehr froh, dass ich einige Freunde habe, auf die ich mich bislang stets verlassen konnte. Haben sie darüber hinaus auch noch Spaß daran, die Freundschaft aktiv durch gemeinsame Unternehmungen zu festigen, freut mich das umso sehr.

    Grüße
    Nayana Veritas


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