Die Schwestern Teil 1

9. Mai 2010

Nachdem ich gestern schon überlegt habe, welchen Beitrag ich meinen Lesern dieses Wochenende zukommen lassen werde, ergab sich heute spontan ein neuer Anlass.

Wieder einmal bin ich gezwungen die heiligen Schwestern in der Umgebung zu besuchen. Zwar hatte man mir Monate vorher versprochen, ich müsste nicht mehr gegen meinen Willen dort hin gehen, aber natürlich war dies (wie vieles andere auch) eine Lüge.

Nachdem vor Monaten stattfindenden Streitgespräch mit meinem Vater, bei dem ich als Quelle des nächsten Herzinfarktes bezeichnet, als schlechte Religionslehrerin verurteilt und mein Benehmen als beschämend angeschrieen wurde, hatte ich mir bereits vorgenommen beim nächsten Mal gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Nicht jedoch ohne diese für mich Augen öffnende Situation mit ein paar Integrationsfragen an die Leser zu richten. Erwähnt werden muss, dass ich im Anschluss an dieses Streitgespräch von meinem drei Jahre jüngeren Bruder verbal rausgeschmissen wurde. Vorausgegangen war diesem Gespräch ein Telefonat mit meinem Vater, bei dem ich eingewilligt hatte, mit zu den Schwestern zu kommen. Allerdings hatte ich mir die Frechheit herausgenommen, nicht an der Messe teilnehmen zu wollen. Es ging also inhaltlich nicht darum, die Schwestern zu treffen, sondern primär darum, die Tochter als rechtmäßige gläubige Katholikin neben dem bereits gelungenen Sohnemann zu präsentieren.

Natürlich fehlt bis dato jegliche Entschuldigung für all diese Worte, die gegen mich gerichtet wurden. Sie ist ja auch unnötig, denn ich bin in der Reihenfolge der indischen Rangordnung nur das letzte Glied. Ehrlich gesagt ist die Reaktion meines Bruders in keiner Weise ungewöhnlich für ein männliches, indisches Familienmitglied. Der indische Mann hat die indische Frau gefügig zu machen, zu dominieren und seine Eltern als Gott ebenwürdig vor allem Übel zu beschützen. Im Zweifelsfall gilt es, sie auch vor nicht parierenden Familienmitgliedern zu bewahren.

Ungewöhnlich ist allerdings, dass es sich bei dem Bruder um jemanden handelt, der Zeit seines Lebens in Deutschland aufgewachsen ist. Er ist hier zu Schule gegangen und hier studiert er. Wie passiert es, dass jemand nur scheinbar in die nationale Gesellschaft integriert ist, aber sich für eine Lebensführung fernab von der Umgebung, in der er lebt, entscheidet? Leben wir aneinander vorbei? Kommunizieren wir zu wenig miteinander? Fangen wir unsere Mitmenschen in ihrer Einsamkeit zu wenig auf? Wie kann man Rückhalt geben und Integration verbessern?

Ein weiterer mich beschäftigender Gedanke ist, wie kann man dem heranwachsenden Mann die Verlockung nach Dominanz über die Frau, allgegenwärtiger Richtigkeit und Aufmerksamkeit madig machen? Denn die Verlockung des Patriarchats ist nicht nur für den indischen Heranwachsenden präsent, sondern auch so mancher Europäer fühlt sich diesem kulturellen „Vorteil“ nicht abgeneigt.

Advertisements

3 Antworten to “Die Schwestern Teil 1”

  1. Filinchen Says:

    Liebe Nayana,

    ich glaube, Sie haben Ihre Frage schon selbst beantwortet. Ich wundere mich (im ersten Moment auch immer) über diese angebliche Unvereinbarkeit der Lebensformen der hier Aufgewachsenen, die aus einer anderen Kultur kommen. Nach außen hin sind sie oft angepaßt, leben aber in der Familie in der von Ihren Eltern übermittelten Kultur. Es sind wohl am ehesten die Frauen, die ausbrechen, denn sie haben zu gewinnen, aber der Mann muß – nicht nur in seinen Augen – herbe Verluste hinnehmen.

    Ich frage mich, wäre auch ich bereit, käme ich aus einer Kultur, die den Mann als Krone der Schöpfung sieht, meine „Vorrechte“ aufzugeben?
    Oh je, ich gehe dann mal in mich.

    Viele Grüße
    Filinchen


  2. Guten Abend Filinchen,

    vielen Dank für Ihren ehrlichen Beitrag. Dieser Aspekt ist richtig. Wahrscheinlich würde man als Mann freiwillig diesen Posten nicht abgeben wollen.
    Verwunderlich ist, dass die Heranwachsenden sich außerhalb des Hauses selbständig integrieren,stets anpassen und auf intellektueller Ebene weiterwachsen sollen. Innerhalb des Hauses sollen diese intellektuellen Kenntnisse allerdings nicht angewandt werden. Hier gelten andere Regeln, obwohl Vater und Mutter beteiligt sind, und vor allem die Frau soll weiterhin eine Demutshaltungen annehmen. Ist doch äußerst merkwürdig. Wie kann dann das Spiegelbild zur eigenen Identität stabil sein?
    Abgesehen von meinen eigenen Erfahrungen, die aufgrund einer vorübergehenden Wohnhaftigkeit im Elternhaus, wieder aufleben, mache ich mir schon Gedanken, wie ich in meinem Beruf das Aufleben dieser Gefahren entkräften kann. Die Strukturen in der Familie können kaum verändert werden, aber das Selbstbewusstsein heranwachsender Mädchen zu stärken, sowie das übergroße Selbstbewusstsein kleiner Maharadjas zu bändigen, habe ich schon im Hinterkopf. Naürlich kann man es grundsätzlich nicht pauschalisieren. Mal sehen, ob ich etwas bewegen werde.

    Herzliche Grüße
    Nayana Veritas

  3. Filinchen Says:

    Ich würde Ihnen von Herzen wünschen, daß Sie etwas bewegen können. Wir anderen müssen durch unser Verhalten und durch Vorleben die Mädchen stärken und die Jungen bremsen. Langfristig wird sich sicherlich vieles angleichen, wenn nicht die Gefahr einer Parallelgesellschaft bestünde. Davor habe ich ehrlich gesagt, ziemlich große Angst. Mein Vorschlag wäre eine Kindergartenpflicht, um Rollenklischees von vornherein gar nicht erst aufkommen zu lassen. Aber das würde von vielen als Eingriff in die Persönlichkeitsrechte gesehen.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: