Die vernachlässigte, ältere Frau

9. Mai 2010

Die vernachlässigte, ältere Frau ist auf der permanenten Jagd nach Aufmerksamkeit. Ihr primäres Ziel besteht darin, sich im Kreise der Familie oder unter Freunden in den Mittelpunkt des Gespräches zu drängen. Meist gelingt ihr dies durch dominante Gesprächsleitung. Die vernachlässigte Frau fordert die verbale Bestätigung in Kleidungsfragen, Lobaussagen über „vorbildhafte“ Christen und geschmacklichen Essensfragen. Der Gesprächspartner hat die Qual der Wahl, die Bestätigung in höflichem, immer der Aussagenden Recht gebenden Ton, hörbar zu artikulieren. Beim unter Frauen üblichen Übertrumpfungswettkampf ist das jugendliche Makel der Tochter, ihr gegensätzliches Verhalten, ihre Gesprächszurückhaltung, ihr Desinteresse an dem „richtigen“ christlichen RitualWAHNsinn ein besonderer Dorn im Auge. Das Streben, die Jüngere als minderwertig, schlecht und wertlos zu präsentieren, wird im Familien- und Freundeskreis mit Aufmerksamkeit erfolgreich belohnt. So schafft sie es, sich aus der selbst gezüchteten Misere nach vielen Ehejahren zu befreien und im Licht aufrecht zu stehen.

Quelle der Misere ist die nicht vorhandene Zuneigung des Mannes. Weswegen die Zuneigung des Mannes verwehrt ist, kann der Außenstehende allerdings nicht beurteilen. Fakt ist aber, dass sie spürbar weiterhin nicht existiert.

Umso dankbarer ist man über zweierlei Dinge. Zum einen ist dies die religiöse Ritualbefolgung. Nachdem dem Mann die Anerkennung der Frau, nur über die Religion zugänglich ist, folgt er den Spuren dieser Pfade. Man sammelt gemeinsames Gesprächsmaterial, fällt einstimmig wertende Urteile und genießt zusammen die neue Freizeitbeschäftigung. Zum anderen geht daraus noch eine weitere Gemeinsamkeit hervor. Dankbar erkennt man den Dorn im Auge, das Hindernis allen Übels und ernennt dieses Familienmitglied zum widerwärtigen Parasit.

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4 Antworten to “Die vernachlässigte, ältere Frau”

  1. Heinrich Says:

    Liebe Nayana Veritas,
    wie auch immer Sie mein Blog entdeckt haben mögen, Ihr Besuch hat mich riesig gefreut!
    Neugierig, wie ich bin, habe ich gleich hier in Ihrem Blog gestöbert, um etwas mehr von Ihnen zu erfahren.
    Vermutlich liegen mehrere Generationen ‚zwischen uns‘, aber wenn ich versuche, Ihre Gedanken und Gefühle aus Ihren Artikeln zu lesen, spüre ich, dass Sie über die Menschen mindestens so viel wissen, wie so ein alter Mann wie ich – oder sogar noch viel mehr, weil Sie besser beobachten und Erlebnisse mit Menschen hatten, die sehr tiefe Einblicke geben.

    Wer sich die Zeit nimmt und die Muße hat, in Ihrem Blog zu lesen, kann sehr viel von Ihnen lernen. Bitte sein Sie nicht zu sehr enttäuscht, dass Menschen, die Ihnen sehr nahe stehen, nicht alles verstehen, was Sie zu sagen haben – oft ermöglicht erst ein größerer Abstand einen verständnisvolleren Blick.

    Herzliche Grüße
    Heinrich

    P.S. Die von Ihnen beschrieben vernachlässigte, ältere Frau kenne ich auch – Sie haben sie sehr treffend beschrieben. Aber ich will nicht zu sehr mit dem Finger zeigen – alte Männer haben auch ihre Macken. 😉


    • Lieber Heinrich,

      vielen Dank für ihre ersten Kommentare auf meinem Blog. Ich war schon ein bisschen enttäuscht darüber, dass bislang noch niemand sich getraut hat, einen Kommentar zu setzen. Dank Ihnen hat sich das aber jetzt geändert!!!
      Bei dem Blog „Die vernachlässigte, ältere Frau“ habe ich etwas mit der Veröffentlichung gezögert, weil ich mir nicht sicher war, ob er verstanden werden würde beziehungsweise, ob die Verzweifelung mit der Situation nicht zu sehr aus dem Blickwinkel der Jüngeren dargestellt ist.
      Das Talent mit dem Beobachten der Menschen ist wohl durch mein Lehrerdasein auch beruflich bedingt. Manchmal ist das sensible Auspüren von Verhaltensweisen und die damit einhergehende Reflexion allerdings auch ein Fluch. Zuweilen trübt es den Blick auf Menschen wie ein Novemberwetter. Es ist ein hartes Stück Arbeit, sich den Sonnenschein immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Natürlich kann ich dabei nicht davon ausgehen, dass diese Erfahrungen für jedermann nachfühlbar sind.
      Die Bekundigung von ehrlichem Verständnis, wie dem ihrem, bedeutet mir viel. Vielleicht kann ich auch so Menschen unterstützen, die ähnliche Erfahrungen machen.

      Nayana Veritas

      P.S.: Übrigens bin ich durch Zufall auf ihren Blog gestoßen. Auf der Dashboard-Seite werden unten immer die zuletzt hochgeladenen Blogs angezeigt und ich schaue da immer nach, ob mich etwas anspricht.

  2. Heinrich Says:

    Liebe Nayana Veritas,

    ich denke, es ist gut, dass Ihr Zögern nicht bewirkt hat, den Artikel zu unterdrücken.
    Ihnen tut es gut, vielen LeserInnen tut es gut und Sie schaden keinem Menschen damit.

    Wenn jemand das hier lesen würde, auf den es objektiv zutrifft, fühlt sich die Person vermutlich gar nicht angesprochen. Obwohl über Ihrem Blog steht: Spiegelbilder des Lebens, sehen die meisten Menschen im Spiegel nicht ihr reales Bild, sondern das, was sie sehen möchten.
    Ich gehe davon aus, dass Sie die gleiche Kritik auch schon im direkten Gespräch geäußert haben. Wie erfolgreich das verlaufen ist, kann ich mir denken.

    Und wenn Menschen das lesen, die sich wiedererkennen und kritikfähig sind, ist es ja auch in Ordnung.

    Was Ihre Eltern angeht, kann ich mir kein Urteil über ihre Stärken und Schwächen erlauben – aber es steht fest, dass sie dafür gesorgt haben, diese Welt mit einer Tochter zu erfreuen, die nicht nur gebildet ist, sondern auch eine hohe soziale Kompetenz hat.

    Das ist doch für alle Menschen wunderschön, die Ihnen in ihrem Leben begegnen.
    Die Freundin, von der Sie neulich sprachen, täte gut daran, mit Ihnen zu reden oder etwas zu unternehmen, auch dann, wenn es ihr gut geht! 😉

    Gruß Heinrich


  3. Lieber Heinrich,

    in der Tat habe ich schon einige Male versucht diese Dinge anzusprechen oder auch per Brief zu adressieren. Das Ergebnis derartige Gespräche ist die Produktion weiterer Lügen oder eine Art Verteidigungsreaktion. Man möchte den Spiegel nicht vorgehalten bekommen.
    Es strengt mich zu sehr an, auch wenn ich für mich selbst weiter daran arbeiten muss, meine Meinung zu artikulieren. Ich habe jetzt verstanden, dass man ein ganz unterschiedliches Liebesverständnis hat und ich versuche mich emotional davon zu lösen. Am Ende des Tages ist es mir wichtig, im Spiegel vor mir selbst aufrecht zu stehen und meinem Dasein freudig entgegen zu sehen.
    Vielleicht ein Grund warum mich die Zeilen über „Selbstliebe“ angesprochen haben. Während einige diese vielleicht exzessiv ausleben, gehöre ich zu denjenigen, die stets daran erinnert werden müssen.

    Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende!
    Grüße
    Nayana Veritas


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